Review: On the Underground London / Berlin (2019)

Im Jahre 2006, also 2 Jahre nachdem mit Ticket to Ride (Zug um Zug) eins der relevantesten Familien-Brettspiele mit Zugthema auf den Markt gekommen war, erschien von Rio Grande Games das Spiel On the Underground vom britischen Autor Sebastian Bleasdale. Ein Spiel, von dem böse Zungen behaupten könnten, es hätte sich an den erfolgreichen Wagon von Zug um Zug drangehängt, um Profit zu schlagen. Denn auch hier fühlt sich das Spiel durch das Anlegen von Gleismarkern ähnlich an wie das, was man bei Zug um Zug macht. Allerdings sollte man On the Underground erst spielen, ehe man zu schnelle Schlüsse zieht. Denn alles in allem kann man hier von einem Spiel reden, dass sich spielerisch dann doch deutlich davon unterscheidet.

Altes Cover vs. Remake

Meine Review bezieht sich ausschliesslich auf die vom Verlag Ludicreations neu aufgelegte Version On the Underground London / Berlin. Diese wurde im Juli 2019 erfolgreich über Kickstarter gecrowdfounded (das ist neudeutsch und bedeutet sowas wie „Hol dir für ein Projekt von anderen Geld bevor du überhaupt was produziert hast“ ;-)) und kam dann auch mehr oder weniger pünktlich zu den Unterstützern, was man als vorbildlicher Ablauf betrachten kann. Ich habe zwar damals das Projekt im Blickfeld gehabt, habe mich dann aber doch dagegen entschieden, da ich das Original nicht kannte. Netterweise gelang ich jedoch über den lieben Florian des Spielcafes „Dubischdra“ in Zürich zu einer Kopie, da ich in der Zwischenzeit dann doch viel gutes darüber gehört und gelesen hatte.

Spielablauf

In „On the Underground“ geht es darum, U-Bahn-Linien zu bauen. Dafür bekommt jeder Spieler Gleismarker in verschiedenen Farben. Mit jeder Farbe wird man entsprechend eine Linie auslegen. Wieviele Linien man bauen kann, hängt von der Spielerzahl ab (zwischen 2 und 4 verschiedene Linien), wobei man von EINER Farbe immer 5 Gleisstücke mehr bekommt als von den anderen.

Der Spielplan ist doppelseitig. Die einte Seite zeigt die U-Bahn-Linie von London und entspricht in etwa dem Grundspiel aus dem Jahre 2006. Als kleines Goodie (Kickstarter lieeebt Goodies) wurde auf der Rückseite eine Variante mit der Berlin U-Bahn implementiert. Zu den Unterschieden komme ich noch.

Der eigene Spielzug ist ganz einfach und in den meisten Fällen flott gespielt. Man hat vier Aktionen zur Verfügung und dabei immer die Wahl aus zwei unterschiedlichen Optionen. Entweder man legt ein Gleismarker angrenzend an das Ende einer bereits gelegten Linie derselben Farbe an oder man nimmt sich ein sogenanntes Weichenplättchen. Diese sind wichtig wenn man von einer Station eine Abweichung machen möchte (dafür braucht man 2 Weichenplättchen, die man dann wieder in den Vorrat legt). Direkt nach dem Legen bekommt man Punkte für verbundene Stationen (die blauen sowie die roten Endstationen). Zudem kann durch das Verbinden gleicher grüner Symbolplättchen (diese werden anfangs zufällig auf dem Spielplan verteilt) zusätzliche Punkte einfahren.

Auf der London-Seite gibt es noch die Regel, dass man Ringlinien bauen kann. Ist einem ein vollständiger Ring mit einer Farbe gelungen, gibt es Punkte für alle Stationen innerhalb dieses Rings und vor allem gibt es einem das Gefühl, dass man – wie man in der Schweiz sagt – ein absoluter „Sibesiech“ ist. Denn das ist gar nicht so einfach umzusetzen – es gibt allerdings wertvolle Punkte. Dies in einem Spiel, in dem es wirklich um fast jeden Punkt geht.

Ich bau mir eine Linie, weil ich es kann.


Danach ist die Passagierphase dran. Es gibt dabei ein einziger Passagier, der für alle gilt. Dieser bewegt sich zu den Stationen, die zuvor aus einem Stapel an Karten gezogen wurden. Diese Stationen werden in der Verwaltungsphase zuvor mit schönen Wahrzeichenmeeples (in der Deluxe-Version) zur besseren Übersicht markiert. Es gibt Express- oder normale Stationen und der Passagier bewegt sich entweder zuerst zu einer Express und danach zu einer normalen Station oder nur an eine der beiden Stationstypen (je nach Auslage). Bequem ist der Passagier auch noch, denn er fährt nur auf möglichst gut ausgebaute Strecken und auf schnellstem Wege zu den Stationen. Und hier zeigt sich, wer gut gebaut und geplant hat. Denn für jede Linie, die der Passagier nutzt, bekommt der Spieler, dem diese angehört, einen Punkt.

Gespielt wird bis der Stationsstapel leer ist resp. man nicht mehr auf 4 Karten auffüllen kann. Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt.

Auf der Berlin-Seite des Spielbretts kommt eine Art Set Collection hinzu. Zu Spielbeginn werden Plättchen mit verschiedenen Symbolen auf verschiedene Stationen gelegt, die man einsammeln kann, wenn man an diese Stationen baut. Ein komplettes Set kann man gegen Punkte eintauschen und auch am Ende bekommt man dafür Punkte. Zudem gibt es während dem Bauen weitere Punktmöglichkeiten.

Spielmaterial und -optik

Auf der optischen Seite ist das Remake im Vergleich zum Original ein Unterschied wie Tag und Nacht. Man hat sich hier für ein Colorbrush-Style entschieden, das modern wirkt und auch eher selten anzutreffen ist, und alles in allem gut funktioniert. Es sieht echt schön aus. Nur bei den diversen Stellplätzen für die Gleismarker sind diese Freihand-Linien etwas schwierig während dem Spiel zu erkennen und man hätte hier geradere Linien wählen sollen.

Die Spielbox ist beidseitig mit dem selben Artwork bedruckt und das ist schön, irritiert aber auch da man nicht so gut sieht, was Deckel und was Boden ist. Little Problems of the western World, ich weiss. Das Spielbrett ist grösser als das eines „normalen“ Spieles und wirkt toll und einladend auf dem Tisch. Die Karten sind von guter Qualität, die Gleismarker sind die gleichen wie bei Transeuropa und -america und die Stationskennzeichnungen sind in der Deluxe-Version „Custom shaped“ (wie man in unserem Jargon so schön sagt) – in der Standard-Variante sind es „normale“ Holzpöppel, was auch geht. Fantastisch sinnlos ist die Tatsache, dass man die Auswahl aus 5 unterschiedlichen Passagiermarkern hat, man aber im Spiel nur eins braucht. Selbstverständlich wurde hier an jedes Geschlecht und Zustand bedacht. Lustig, aber völlig unnötig. Einziger kleiner Makel sind die restlichen Marker (Weichenplättchen, Symbol- und Punktemarker). Anstatt der erwähnten Vielfalt an Passagieren hätte man diese lieber in Holz erstellt, da sie die Spielqualität minimal abwerten.

Zusammenfassend sprechen wir hier allerdings klar von einer überdurchsnittlichen Produktion, wie man sie oft von Kickstarter kennt, nur dass es hier stimmig und nicht unnötig wirkt.

Spielgefühl

In On the Underground muss man zuerst etwas reinkommen. Dadurch, dass man die Linien an einem beliebigen Platz auf dem grossen Plan beginnen kann und man dann stetig anbaut, stellt sich stets die Frage, wie die Linie am Ende aussehen soll resp. wo diese überall durchfahren soll, damit sie möglichst Punkte-rentabel ist.

Ich habe in meinen Partien sehr oft erlebt, dass sich Mitspieler allzu fest auf die nächste Bewegung des Passagiers fokussieren und dementsprechend anlegen. Man muss aber hier eher nach vorne schauen und eine Linie so ausbauen, dass sie möglichst lange und vor allem gegen Ende hin immer und immer wieder Punkte einfährt. Zudem gibt es über den Anschluss der blauen und roten Linien zusätzlich wertvolle Punkte, die nicht zu verachten sind.

Das Spiel ist konfrontativer als es zunächst scheint, denn die Anzahl Legeplätze für Gleismarker ist zum Teil stark limitiert (es gibt Streckenabschnitte mit nur EINEM Stellplatz!) und das gibt dem Spiel manchmal auch Renncharakter, denn es heisst oft „first come, first serve“. Und Achtung: man kann Mitspieler sogar soweit blockieren, dass diese die Linie nicht mehr fortführen können! Ist mir einmal passiert und es war zwar schlussendlich nicht extrems tragisch – wäre mir dies allerdings zu Beginn der Partie wiederfahren hätte ich ziemlich in die Röhre geschaut. Im Nachgang: Danke, S.! 😉

Das Spiel macht Spass – sehr sogar. Es zieht einen im Laufe der Partie immer mehr rein und auch wenn es manchmal verkopft ist, so machen diese Überlegungen (Wo geht der Passagier hin; Was will mein Mitspieler?) auch etwas den Reiz des Spiels aus. Man wird dadurch, dass man auch in den Zügen der Mitspieler punktet, ständig ins Geschehen involviert.

Am allermeisten gefällt mir fast die Tatsache, dass es eins der wenigen Spiele in meiner Sammlung ist, bei welchem die Punkte „on the go“ verteilt werden. Das führt zu einem ständigen hin und her mit einigen Führungswechseln während der Partie und erst der letzte Zug bringt oft die Gewissheit, wer das Spiel für sich entscheiden kann. Es kann aber auch sein, dass ich davon dermassen fasziniert bin, da ich als Eurogamer selten sowas erlebe und das Punktefeuerwerk ja dort oft erst am Ende zündet.

Kommen wir aber zum fast einzigen negativen Punkt, der aber nicht zu verachten ist: Die Passagierphase. Einerseits muss man sich bewusst sein, dass diese immer wieder nach JEDEM Zug eines Spielers stattfindet. Also ständig. Dies unterbricht irgendwo den Flow des Spiels und dauert jeweils länger als der eigentliche Zug eines Spielers. Das muss man mögen. Dazu muss man hier auch noch reinkommen: Wo bewegt sich genau der Passagier hin; welche Linien nimmt er? Ich sag euch: Scheint anfangs wie eine halbe Wissenschaft zu sein und das Regelbuch kam anfangs oft zur Hand – mit der Zeit versteht man aber die Abläufe und man kommt gut damit klar. Weiterer Punkt ist der damit zusammenhängende Verwaltungsaufwand: neue Karten ziehen, Station auf dem Plan suchen (nicht ganz einfach bei der Menge und Grösse des Plans), Marker hinlegen – Ja.. man lernt im Spiel das U-Bahn-Netz von London und Berlin ziemlich kennen – ich freue mich jedenfalls, in meinem nächsten Urlaub in London oder Berlin das Gelernte in die Praxis umzusetzen ;-). Alles in allem sind dies aber Themen, die man nach einigen Partien getrost als kleines Übel verzeichnen kann.

Möchte aber nicht mit einem negativen Punkt dieses Kapitel beenden: das Spiel macht wirklich Spass und fühlt sich irgenwie zeitlos an. Wie bei Zug um Zug hat man nicht das Gefühl, das Spiel irgendwann satt zu haben, denn die Abläufe sind schnell, die Ausgangslage immer wieder anders und das reizt einem, es immer und immer wieder besser zu machen.

Fazit

Alltag für einen Schaffner, Ferienlektüre für den Touristen – der U-Bahn-Plan. Diesmal als Spielbrett.

So – dann komme ich zum Schluss, obwohl ja fast alles gesagt ist. On the Underground London / Berlin ist eines der Spiele, die mich ohne grosse Erwartungshaltung sehr positiv überrascht haben. Ich bin froh, dass es den Weg in meine Sammlung gefunden hat und empfehle jedem, der an ein Exemplar vorbeiläuft, es zumindest in Betracht zu ziehen. Natürlich soll man aber auch das Thema Bahn mögen, denn thematisch ist es natürlich ganz klar eingebettet.

Für mich bewegt es sich im oberen Familienspielbereich und empfinde die Altersangabe auf der Schachtel als zu hoch. Wäre das Spiel von einem grösseren Verlag herausgegeben worden würde es bestimmt viel mehr im Fokus der Brettspielgemeinde landen. So verkommt es jetzt zu einer Art Kickstarter-Rarität, die wohl in den meisten Läden nicht zu finden sein wird.

Daher mein Tipp: Zugreifen, wenn möglich!

In dem Sinne: Let the Games beGin,

euer blauer Spieler

  • Anzahl Spieler: 2 – 5
  • Spieldauer: 45 – 60 Minuten
  • Alter: ab 14 (fragwürdig, ab 10 ginge auch)
  • Passender Gin zum Spiel: Irgendein klassischer, herber Gin aus England oder den Brandstifter Gin aus Berlin, falls man mit der Berlin-Seite spielt.

Ein Kommentar zu „Review: On the Underground London / Berlin (2019)

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