Review: Paris – La Cité de la Lumière (2019)

Paris ist schön. Paris ist romantisch. Paris ist kitsch. Dieses Bild vermittelt man uns von der Hauptstadt der Franzosen seit Jahren und viele glauben es auch. Ich persönlich bin der Meinung, dass dies alles von ganz früher kommt. Verbringt man heutzutage ein paar Tage in Paris – was ich vor nicht allzu langer Zeit tat – so findet man sicher auch wunderschöne Strassen, Häuser und Plätze, die sehr gut in dieses Klischee passen, andererseits aber auch: Unfreundliche Kellner, überteuerte Croissants und dreckige Strassen sowie Autolärm wo du nur hinsiehst. Weil sich allerdings dieses Bild weniger gut in ein Brettspiel integrieren lässt, erschien im letzten Jahr vom spanischen Verlag Devir das Spiel, um das es heute hier geht und sich ganz dem Klischee der wunderschönen Strassen von Paris widmet.

Das Cover – wohl einem Strassenmaler vor dem Louvre teuer abgekauft.

Das Spiel des spanischen (!) Autors Jose Antonio Abascal „Paris – La Cité de la Lumière“ wird in den nächsten Monaten verdeutscht und als „Paris – Stadt der Lichter“ vom Kosmos-Verlag herauskommen, und da ich einer der wohl wenigen Glücklichen bin, der bereits die spanische Edition seit Monaten besitzt, dachte ich mir, ich lasse euch wissen, was da auf euch zukommt.

Spielablauf

Paris – La Cité de la Lumière könnte auf dem ersten Blick alles sein. Es handelt sich allerdings um ein Puzzlespiel mit Polyomino-Teilchen – eins der vielen, mit denen wir in den letzten 1, 2 Jahren überflutet wurden. Ich würde aber sagen – nachdem ich einige davon gespielt habe – dass es eins der originelleren und besseren seiner Art ist. Denn es wartet mit zwei unterschiedlichen Phasen auf, was grundsätzlich ein Spielablauf ist, den ich persönlich sehr mag. Gehen wir eine nach der anderen an:

In Phase 1 legen wir die Strassen von Paris, auf denen in der zweiten Phase die Gebäude gebaut werden. Es entsteht also zuerst der sogenannte Spielteppich, auf dem wir dann – wenn richtig geplant – unsere Züge danach ausführen können.

Die Strasse aus dem Videoclip „Billie Jean“ wird wieder lebendig.

Jeder Spieler erhält zunächst quadratische Strassenplättchen seiner Farbe, die auf der Vorderseite jeweils vier Quader in drei unterschiedlichen Farben zeigen. Orange und Blau als Spielerfarbe; Violett als neutrale Farbe, die sozusagen beiden Spielern angehört. Und einige Felder zeigen dann noch Strassenlaternen, die wichtig für die Punkte ist. Neben dem Spielplan, der bereits in der Spielschachtel integriert ist, werden die Gebäudeplättchen (jedes davon einzigartig) bereitgelegt. Diese besitzen alle Polyomino aka Tetris-Form und erinnern stark an das diesjährige Spiel „My City„.

In der ersten Phase hat man die Wahl zwischen zwei Zugoptionen: Entweder man zieht eins seiner quadratischen Strassenplättchen und legt es an beliebiger Stelle auf dem Spielplan an oder man sichert sich eins der Gebäudeplättchen, in der Hoffnung, genau dieses in der zweiten Phase anlegen zu können. Der Clou dabei: Durch das Legen der Strassenplättchen legt man sich die Legeplätze der eigenen oder neutralen Farbe zurecht und zwar möglichst passend damit später die Polyominos gelegt werden können. Tönt alles etwas kompliziert, aber ohne die Regel eins zu eins wiederzugeben ist es wohl einfacher, sich das obige und untere Bild anzuschauen – dann weiss man in etwa, was ich meine ;-). Die Phase endet sofort, sobald das letzte Strassenplättchen angelegt wurde.

Die Holzmeeples stellen keine Teufel mit Hörner dar, die auf den Häusern tanzen, sondern Cheminées.

In der zweiten Phase geht es ans Legen der sich zuvor gesicherten Polyomino-Gebäudeplättchen, und zwar möglichst gruppiert beieinander und benachbart an Strassenlaternen, denn das bringt Punkte. Selbstverständlich soll es auch Sinn und Zweck sein, dem Gegenüber seine Plätze (resp. die neutralen Flächen) wegzuschnappen, denn auch er hat evtl. mit einem Feld geliebäugelt, das plötzlich durch den Mitspieler belegt wird. Autsch. Als zweite Option kann der Spieler eine Aktions-Postkarte mit einem seiner 4 Aktionsmarker nutzen (jedes Aktionsfeld kann nur durch 1 Spieler genutzt werden). Diese sind allesamt sehr stark und es entsteht meistens ein Rennen darum, wer sie zuerst kommt. Die zweite Phase endet, wenn kein Spieler mehr ein Gebäude legen kann und alle 8 Aktions-Postkarten genutzt wurden.

Danach gibt es Punkte entsprechend der Grösse des Gebäudeplättchens x Anzahl der benachbarten Strassenlaternen (ein ähnliche Wertung wie bei Kingdomino) sowie für die grösste zusammenhängende Gebäudegruppe eigener Farbe. Es gibt jedoch Minuspunkte für nicht gelegte Gebäudeplättchen, so dass eine gute Planung hier sehr wichtig ist. Diverse Aktions-Postkarten können dann auch noch Punkte bringen. Wer nach dieser Wertung die meisten Punkte hat, ist „le meilleur constructeur de bâtiments de paris“. Félicitations!

Spielmaterial und -optik

Die Aktions-Postkarten so, wie man sie eben NICHT auslegen sollte.

Das Game Design ist toll. Man hat sich hier für ein Thema entschieden und es von A bis Z durchgezogen. Die Illustrationen und gewählten Materialien sind durchwegs gelungen, auch wenn sie für das Spielen nicht immer förderlich resp. nötig sind – dazu aber später.

Beim Material kommt man vom ersten Moment an ins staunen. Angefangen mit der Spielbox, die hier gleichzeitig Spielplan ist und sehr stabil und kompakt daher kommt. Andere hätten sich hier für eine grössere Box mit viel Luft darin entschieden. So passts jetzt gut ins Format anderer 2er-Spiele – mein Regal sagt danke. Die Gebäudeplättchen sind fantastisch. Sie sind doppellagig, was ich bei Polyomino-Teilchen noch nirgends gesehen habe. Denn eigentlich ist es völlig unnötiger Produktionsaufwand und Materialverschwendung, ja, aber man wollte hier einfach ein durchs Band hochwertiges Produkt abliefern, welches ohne Kunststoff auskommt.

Aber man kann es bei der Durchführung eines solchen Spieldesigns auch etwas übertreiben und so kommen wir zu paar Kritikpunkten. Die Aktions-Postkarten sind absoluter Nonsens. Sie sind in normaler Postkartengrösse und jede einzelne stellt ein Aktionsfeld dar. Ihr seht am obigen Bild, was dies zur Folge hat – eine überdurschnittlich grosse Auslage, die für so ein kleines Spiel, das man ansonsten im Zug spielen könnte, völlig unpassend wirkt. Legt man Sie wie auf dem Bild rund um das Spielfeld, ist es a) unpraktisch und b) sind nicht alle Aktionsfelder für alle Spieler gleich gut sichtbar. Also legt man Sie neben das Spielfeld, was zusammen etwa den Platz eines normalgrossen Brettspiels ausfüllt. Es hätte völlig gereicht, ein separates Spieltableau mit den abgebildeten Aktionen zu kreieren, auf welchem man dann die sehr kleinen Aktionsmarker draufgelegt hätte, um die Aktion zu aktivieren. Und auch wenn das Thema Postkarten genau in diese Romantikschiene, in die uns das Spiel schieben möchte, hineinpasst, habe ich mir bis heute die schönen Vorderseiten der Postkarten nicht mal angeschaut (da null relevant). Zusammengefasst: Thematisch wird es wohl Sinn machen – spielerisch null.

Zweiter kleiner Kritikpunkt (und der ist etwas gesucht): Die kleinen Pappaufsteller aus den Aktions-Postkarten wirken billig, unpassend und deplatziert. Es wären nur zwei zusätzliche Holzmeeples gewesen, die man hier hätte produzieren müssen, und das ganze wäre vom Material her sehr rund gewesen.

Alles in allem ist dies aber meckern auf hohem Niveau: Ich höre und lese jetzt schon die überschäumende Schwärmerei über das Design und Material bei den Bloggern und Spielern auf Foren uns dergleichen. Das ganze Spiel fällt aufgrund seiner Optik und dem Mut zum Neuen auf und das Material ist deutlich besser als bei Spielen gleicher Preisklasse.

Spielgefühl

Kommen wir zu dem, was zählt: Wie fühle ich mich, wenn ich „Paris – La Cité de la Lumière“ spiele und macht es mir Spass?

Letzteres kann ich bestätigen – für Puzzlespiel-Liebhaber bietet das Spiel durch die zwei Phasen und der planerischen Herausforderung genug neues, um die Anschaffung zumindest in Betracht zu ziehen. Aber ich persönlich empfinde es leider als anstrengend. Es macht Spass und für die Dauer des Spiels wird man gefordert, aber es fehlt dem Spiel die Leichtigkeit eines Patchwork – für mich nachwievor das beste 2-er-Puzzlespiel überhaupt. Ausserdem verzeiht es wenig Fehler, was etwas ist, das einem Bauchspieler wie mich immer wieder in die Quere kommt. Es ist hoch konfrontativ, denn der Spielplan ist klein, die Felder und Aktionskarten sind begrenzt und der Gegner arbeitet schlussendlich an den gleichen Zielen. Auch das muss man mögen.

Ansonsten kann ich nicht verleugnen, dass mir bereits bei der ersten Partie ein „wow – das Spiel ist gut“ rausgerutscht ist. Denn es ist definitiv was besonderes und Kosmos tut gut darin, es in Deutsch rauszubringen. Es wird in der Szene aufgrund des Gesamtkonzeptes nicht ungeachtet bleiben. Es ist halt vielleicht nicht mein Lieblingspuzzle und ich mag die Leichtigkeit eines solchen Spiels eher als die Denksportaufgabe, die mir hier geboten wird. Aber dies ist wie immer eine sehr subjektive Meinung.

Fazit

Der Mond schaute hinab auf die Erde und sagte sich: Mein Gott, sind das Idioten.

Und schon ist fast alles gesagt. „Paris – La Cité de la Lumière“ könnte einschlagen wie eine Bombe, denn es ist mal wieder ein gutes Zweierspiel, das die Zweispieler-Reihe von Kosmos gut ergänzt. Spielerisch bietet es die nötige Tiefe, damit auch Kennerspieler gefordert werden – könnte mir aber auch vorstellen, dass Familienspieler hier eher die Käufergruppe sein werden. Sei’s drum: Wer es kauft, wird Spass daran haben und es nicht bereuen. Es ist für mich persönlich jetzt kein Spiel, das ich mehrmals hintereinander spielen möchte, da mich bereits eine Partie ziemlich überanstrengt, aber im Wechsel zu anderen Spielen derselben Kategorie passt es „magnifique“.

In dem Sinne – allez Paris et bonne Chance,

euer blauer Spieler

  • Anzahl Spieler: 2
  • Spieldauer: 30 Minuten (realistisch)
  • Alter: ab 8 (in meinen Augen etwas zu tief angesetzt)
  • Passender Gin zum Spiel: Generous Gin – floral, originell und aus Frankreich.

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