Review: Yukon Airways (2019)

Wir befinden uns im Yukon Territorium im äussersten Nordwesten Kanadas. Hier ist die Natur fast unberührt, prächtige Bergseen treffen auf unendlich viele Bäume und die Berge ummanteln dieses wunderschöne Fleckchen Erde. Ein fast schwerelos wirkendes Wasserflugzeug fliegt der Sonne entgegen, die gerade untergeht. Sonne und Wolken pinseln ein Schauspiel an Farben am Himmel, das wie eine kitschige Malerei wirkt, aber hier eben echt ist. Es ist bald Feierabend für den Piloten, der nun nur noch nach Hause fliegen und das Flugzeug in den Hangar stellen muss. Dann geht’s ab nach Hause – zu den Kindern und der Frau, die sich wie immer auf seine Heimkehr freuen.

Wer jetzt denkt, ich hätte sie nicht mehr alle, liegt wohl gar nicht so falsch, aber muss schon zugeben, dass das Cover des Spieles, um den es in dieser Review geht, genau eine solche Erzählung zulässt, oder? Diese Review handelt von Yukon Airways des Autoren Al Leduc – ein eher neuer Spieldesigner, der sich hier einen Herzenswunsch erfüllt hat. Denn die Thematik, die hier verspielt wird, ist seine persönliche Geschichte. Sein Vater war dieser Pilot, der nach einem anstrengenden Flugtag zu ihm nach Hause zurückkehrte. Der spanische Verlag Ludonova hat daraus ein Spiel herausgebracht, das in ESSEN 2019 bereits ein Überraschungshit war und bald von Asmodee offiziell auf Deutsch in den Handel kommen wird.

Ob das Spiel aber mehr kann als ein schönes Cover zu präsentieren und eine Thematik herzustellen, lest ihr in den nächsten Zeilen.

Spielablauf

Wie es nicht anders sein könnte, handelt es sich bei Yukon Airways um ein Spiel mit Pick up and deliver-Mechanismus. Bei einem Flugspiel wohl sinngebend. Jeder Spieler sitzt sozusagen an Bord seines eigenen Flugzeugs und hat vor sich ein Tableau, das den Cockpit eines solchen zeigt. Auf der linken Seite des persönlichen Tableaus sind mehrere runde Anzeigen zu sehen während auf der unteren Seite mehrere Schalter / Knöpfe abgebildet sind, die man durch schieben des kleinen Pappmarkers „aktivieren“ kann. Auf der rechten Seite ist dieselbe Karte des Yukon Gebietes abgebildet wie auf dem grossen Spielbrett zu sehen ist – nur in Kleinformat. Dies dient der Übersicht und für die Markierung der bereits angeflogenen Ziele im Verlaufe des Spiels. Auf dem grossen Spielbrett selber sind dann noch die Flugstege zu sehen, von denen die Würfel (stellen in diesem Spiel die Passagiere dar) genommen werden.

Es geht primär darum, diese Passagiere am Gate aufzuladen und an entsprechenden Destinationen wieder aussteigen zu lassen. Pick up and Deliver halt. Es werden insgesamt 6 Runden gespielt (Dienstag bis Sonntag; Montag ist ein flugfreier Tag) und jede Runde besteht aus folgenden Phasen:

Boarding
Hier werden die Passagiere ins eigene Flugzeug aufgeladen. Der Spieler wählt ein Gate und nimmt sich alle gleichfarbigen Würfel (die Zahl ist dabei egal) und legt sie auf seine Flugzeugkarte. Zudem hat jedes Gate eine Sonderaktion, die man optional ausführen kann (Schieben der Würfel u.a.). Ein Flugzeug hat 4 „Sitzplätze“ – für jeden nun freien Sitzplatz kann man je 1 Kerosin auf der jeweiligen runden Anzeige raufdrehen. Die Spielerreihenfolge für die nächste Phase ergibt sich zudem aus dem gewählten Gate (Gate 1 zuerst, dann 2, etc.) so dass z.B. die Sonderaktion von Gate 1 entsprechend schwächer ist während Gate 6 sehr stark ist, man jedoch dann als letztes an der Reihe ist.

Flug
Anhand von Handkarten (Tickets), welche alle je eine Destination zeigen, werden die Zielorte definiert, die man anfliegen möchte, wobei auch drei beliebige Karten als Jokerdestination abgeworfen werden können. Das kleine Flugzeug wird zu diesem Zielort bewegt und an diesem Ort wird ein Quader zu sich genommen, der bei der Spielvorbereitung zufällig ausgelegt wurde. Entspricht nun die Farbe dieses Quaders der Farbe des Passagier-Würfels, kann man eine Verbesserung am eigenen Flugzeug vornehmen. Sollte kein Quader in der passenden Farbe an der Destination liegen, nimmt man einen anderen Würfel zu sich, bekommt aber keine Verbesserung. Diesen Quader legt der Spieler in die Landkarte des eigenen Tableaus zum entsprechenden Zielort.

Jeder Spieler spielt reihum und es ist möglich, nach einem Stopp weiterzufliegen – genug Kerosin und passende Karten vorausgesetzt. Wenn alle nicht mehr fliegen können oder wollen, endet diese Phase.

Einkommen
Die Spieler erhalten Geld (= Siegpunkte) für den höchsten Wert einer Destination (diese sind unterschiedlich hoch) plus 1$ je Passagier, der ans Ziel gebracht wurde.

Wartung
Die gebrauchten Würfel werden neu geworfen und anhand der Würfelaugen auf den entsprechenden Gates verteilt. Die Würfelaugen sind also als Drafting-Element zu sehen und haben ansonsten keine weitere Bedeutung. Je nach Höhe des eigenen „Kartennachzieh-Anzeige“ bekommen die Spieler neue Karten / Tickets sowie Kerosin.

Nach 6 Runden gewinnt der Spieler mit dem meisten Geld. Am Ende ist auch die Anzahl unterschiedlich angeflogener Destinationen relevant – hier gibt es für mehr Varianz auch mehr Punkte.

Spielmaterial und -optik

Achtung: Ich besitze die spanische Version des Spielt und die untenstehenden Kritikpunkte beziehen sich ausschliesslich auf diese Version. Das Spiel wurde von Asmodee auf Deutsch angekündigt (VÖ: Herbst 2020) und ich kann nicht sagen, ob das Material dann anders daher kommt.

Das Spiel sieht toll aus. Punkt. Angefangen mit dem bereits hoch angepriesenen Cover zieht sich das Design weiter auf das Spielbrett, das modern wirkt. Vielleicht hat man sich hier und da sehr an den pastelligen Rosa- und Violetttönen bedient, aber das Design wirkt alles andere als altbacken und ist sehr einladend. Zudem findet fast das gesamte Material auf dem Board Platz und ist gut strukturiert.

Kommen wir zu den persönlichen Spielerboards, die ja alle ein Cockpit darstellen. Diese sind natürlich ein absoluter Eyecatcher und ich kann mir vorstellen, wie hunderte Essen-Besucher nach einem Blick auf diese Boards alleine das Spiel blind gekauft haben. Die Erstausgabe war ja dann schliesslich ausverkauft. Wir Spieler sind halt ziemlich schnell zu beeindrucken ;-). Aber auch ich muss zugeben, dass die Tatsache, dass diese Spielbretter zweilagig sind und die runden Anzeigen alle entsprechende Zeiger vorweisen, die man dann rauf und runterbewegen kann, sehr cool ist. Auch die kleinen Schalter, die man „betätigen“ kann, sind lustig. Weiter will ich nicht vergessen zu erwähnen, dass auf jedem Board ein Familienfoto in gezeichneter Form abgebildet ist. Das sind tatsächlich echte Familienfotos des Autors und auch hier zeigt sich, wie persönlich das Spielprojekt für ihn war. Wäre ich Spieldesigner, würde ich über so ein Product Design träumen.

Aber kommen wir zum Material, das dann doch nicht so rosig ist wie manche Farben auf dem Spielbrett. Natürlich muss man die vor dem ersten Spiel zusammenbauen, denn die Zeiger kommen nicht vormontiert daher. Und das war so eine Sache sag ich euch. Mittels Plastikklemmen (genauer Name dieser Dinge ist mir nicht bekannt) müssen die dünnen Mini-Zeiger ans Spielerboard befestigt werden und der Kraftaufwand war tatsächlich dermassen hoch, dass man Angst haben musste, entweder das Spiel zu zerstören oder den Finger zu brechen. Zudem sind diese aus normaler Pappe und auch das rauf- und runterschieben der Zeiger während des Spiels scheint mir ziemlich fragil zu sein, als dass es 30 Partien überleben würde. Hier hätte man definitiv auf Plastikmaterial zurückgreifen müssen und auch die Autoren haben dies wohl gemerkt und vorsorglich Ersatz-Zeiger beigelegt. Die kleinen Schalterbuttons sind ebenfalls aus Pappe und klein – dermassen klein, dass ich die Luft anhalten muss damit ich diese nicht versehentlich einatme.

Das sind aber auch die einzigen Gründe zu meckern. Die Würfel weisen eine sehr gute Qualität auf und die Karten ebenfalls, auch wenn ich sie vom Design her etwas überladen und unübersichtlich finde, aber es geht.

Alles in allem ein äusserst hochwertiges Produkt, das hier für normales Geld angeboten wird. Jamey Stegmaier wäre hier wohl in den dreistelligen Preisbereich gekommen 😉

Spielgefühl

Was sich hier so einfach und streamlined liest, ist aber tatsächlich nicht so einfach, wie es scheint. Yukon Airways ist sicherlich kein Spiel für Experten, aber ich habe oft erlebt, wie einige Spieler anfangs Mühe hatten, sich in das Spiel rein zu finden. In die Spielmechanismen und den Rundenabläufen muss man erst mal reinkommen. Es ist eins der Spiele, die man in der ersten Partie erst ab der Hälfte so richtig erblickt und auch die Strategien im Kopf entsteht erst im Laufe der Partie. Planung ist schwierig da doch einiges von Würfelwürfen und passenden Karten abhängig ist. Vieles ist dann jedoch möglich wenn man es richtig anstellt. Zudem scheint die Flugphase irgendwie unnötig kompliziert. Lege eine Karte mit der Destination aus und Fliege dorthin – klar. Aber lege drei beliebige verkehrt herum als Joker oder lege zusätzliche Karten mit demselben Symbol ab, damit du diesen Bonus erhältst, ist dann wieder etwas zuviel des Guten. Denn dazu kommt ja noch das grösste Dilemma-Problem im Spiel:

Die Aufbesserungen des eigenen Cockpits. Was zugegeben auch die Stärke des Spiels darstellt und die Vielfältigkeit der Strategien erhöht, ist gleichermassen für neue Spieler eine grosse Herausforderung, denn man wird hier mit 12 – ich wiederhole: zwölf! – möglichen Aufbesserungen konfrontiert, und nur eine davon kann man jedes mal aufbessern. Soll ich jetzt die maximale Kartenhand raufdrehen oder das zusätzliche Kerosin, dass ich über den Abwurf von Karten generieren kann? Soll ich mir die Punkte für das Spielende verdoppeln oder noch warten mit dieser Aufbesserung? Soll ich die XX-Regel für mich ändern oder doch lieber die YY-Einschränkung?

Ihr seht: das Spiel bietet einiges an Entscheidungen. Dies kann auch überfordern. Man muss sich jedoch immer wieder bewusst sein, dass keine Aufbesserung an sich falsch ist und alle Destinationen Punkte einbringen. Der Zugang zum Spiel ist aber daher nicht ganz einfach. Eins sei aber gesagt: in meinen Partien wollte am Ende sämtliche Spieler das Spiel am liebsten nochmal spielen, denn man lernt dazu und will es gleich anders und doch besser machen.

Yukon Airways macht somit Spass – und auch ein bisschen süchtig. Denn es bietet genug, um auch nach mehreren Partien den Reiz darin zu finden, andere Wege zu gehen und andere Strecken zu fliegen.

Fazit

Kommen wir also zum grossen Finale: Der spanische Verlag Ludonova ist mit Yukon Airways eine kleine Perle geglückt, die bald auch deutsche Haushalte begeistern wird. Flugspiele sind ja allgemein nicht ganz unbeliebt und hier wird das Thema mit interessanten Mechaniken und vielen Entscheidungen schön abgerundet.

Gebt dem Spiel Zeit, sich zu entfalten und verzweifelt nicht zu Beginn an die vielen Symbolen, Optionen und nicht zuletzt Destinationen. Nehmt eins nach dem anderen und irgendwann seht ihr tatsächlich die Sonne am Horizont aufblitzen.

Ein Hit ist hier garantiert und ich könnte mir sogar vorstellen, dass wir das Spiel im nächsten Jahr auf diversen Nominierungslisten wiederfinden werden. Als wirklich einzige Schwäche ist die Sache mit dem Material zu nennen, das jedenfalls in meiner Ausgabe nicht so langlebig wirkt wie es sollte. Asmodee wird dies sicherlich angepasst haben.

Mit Spanierstolz im Herzen kann ich sagen: Greift zu – dieser Flug lohnt sich auf jeden Fall!

  • Anzahl Spieler: 2 – 4
  • Spieldauer: 60 – 90 Minuten (realistisch)
  • Alter: ab 14 (in meinen Augen etwas zu hoch angesetzt)
  • Passender Gin zum Spiel: Aviation Gin – noch nie selber getrunken aber der Name passt 😉

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